Der Hinterbänkler – eine kleine Typologie

Posted Geschrieben von Martin Reiher in Theorie     Comments 2 Kommentare
Feb
8

In den Medien ist ab und an vom „Hinterbänkler“ in den Parlamenten zu hören, unbedeutende Abgeordnete ohne herausgehobene Funktion, die sich vielleicht durch besonders ausgefallene Vorschläge im Sommerloch für einen kurzen Moment ein wenig Aufmerksamkeit verschaffen wollten; und dann doch nur Spott und Hohn ernteten. Doch wer sind diese Hinterbänkler eigentlich? Und wer legt fest, wo die Grenze zwischen Politprominenz und Hinterbank endet?

Schaut man in den Plenarsaal des Deutschen Bundestages, kann man bei der Bestuhlung in den Fraktionsreihen eine sichtbare Grenze erkennen: Die ersten sechs Reihen haben Tische, in den ersten beiden Reihen sogar mit Telefon am Platz. Ab Reihe sieben gibt es nur noch einen einfachen Stuhl. Also sind alle Abgeordneten, die ab Reihe sieben sitzen müssen, Hinterbänkler? Aber was ist bei Fachdebatten, in denen aus den Fraktionen nur die Fachpolitiker anwesend sind und alle in den ersten sechs Reihen Platz finden? Hier muss wohl eine andere Erklärung gefunden werden.

Zwei Ansätze zur Definition

In der Politikwissenschaft und in der Parlamentssoziologie werden für Untersuchungen zur politischen Elite jene Abgeordneten herangezogen, die eine Funktion (z.B. Fraktions- oder Ausschussvorsitzende) ausüben. Die Trennung zwischen Abgeordneten mit und ohne Funktionen ist auch am schnellsten operationalisierbar. Es bleibt dabei zu erwähnen, dass bei diesem Positionsansatz jene Politiker unberücksichtigt bleiben, die zwar keine formale Funktion inne haben, aufgrund anderer Qualifikationen aber trotzdem erheblichen Einfluss auf die Politik haben („graue Eminenzen“). Für die Hinterbänkler sollen hier zwei Ansätze zur Abgrenzung vorgestellt werden.
Heinrich Oberreuter hat 1970 eine erste Definition des Begriffs Hinterbänkler vorgenommen:

„Es empfiehlt sich also, nur solche Abgeordnete als Hinterbänkler zu bezeichnen, die in der Regel keinen positiven Beitrag zur Willensbildung der Fraktion oder des Parlaments leisten, keine oder allenfalls bescheidene Aufgaben in der Parlamentsarbeit übernehmen und höchstens zu untergeordneten und meist lokalen Fragen Stellung nehmen.“

Nach Oberreuter sei die Position als Hinterbänkler eine selbstgewählte und würde auf Faulheit beruhen. Etwa 20% der Abgeordneten könnten zu dieser Gruppe gezählt werden.
Als Beispiele nennt er:

  • Verbandsvertreter im Parlament
  • Auf den Wahlkreis fokussierte Abgeordnete (auch Wahlkreislösen)
  • oder Abgeordnete, die von ihren Parteien für frühere Verdienste mit einem Sitz im Parlament belohnt werden

Eine neuere Untersuchung des Politikwissenschaftlers Lutz Golsch von Ende der 1990er Jahre befasste sich ebenfalls mit Karrieren und politischer Professionalisierung von Hinterbänklern im Deutschen Bundestag. Golsch zieht die Grenze funktional und fasst unter dem Begriff Hinterbänkler all jene Abgeordneten zusammen, die keine Führungsposition inne haben. Dazu subtrahiert er für seine Untersuchungsgruppe von der Gesamtzahl der Bundestagsabgeordneten der 13. Wahlperiode alle Parlamentarier, die Funktionen in der Bundesregierung, Fraktionsvorständen, Ausschüssen usw. haben. Als Ergebnis sind nach der Methode von Golsch 62% der Abgeordneten als Hinterbänkler zu bezeichnen.

Unterschiede zwischen Vorder- und Hinterbänklern

Während Oberreuter über die (schwer eingrenzbare) Einstellung des Abgeordneten eine Einteilung in Vorder- und Hinterbänkler vornimmt, nutzt Golsch den verbreiteten Positionsansatz. Beide Ansätze haben Stärken und Schwächen. Für uns bleibt festzuhalten, dass Hinterbänkler zwar vielleicht über keine herausgehobene Position in Parlament oder Partei verfügen, dies aber keine völlige Einflusslosigkeit bedeuten muss. Vielmehr können sie „als Experten in speziellen Sachgebieten oder als Exponenten informeller Parteiflügel in unterschiedlichem Ausmaß auf die Resultate von Entscheidungsprozessen einwirken“ (Golsch). Während aber die politische Elite, aufgrund ihrer Position, regelmäßig an Entscheidungsprozessen beteiligt ist und Einfluss ausüben kann, bietet sich diese Gelegenheit den Hinterbänklern nur in Einzelfällen. Den Rest des Jahres unterhalten sie uns mit skurrilen politischen Vorschlägen und schaffen den Journalisten im Sommerloch die ein oder andere Story.

2 Kommentare zu “Der Hinterbänkler – eine kleine Typologie”

  • Schau ich mir heute so manche „Führungselite“ in den einzelnen Fraktionen an, dann haben die meisten (besonders bei den großen Fraktionen) als Hinterbänkler begonnen. Mit zunehmenden Erfahrung und Professionalität hat man die gute Aussicht auf eine „Vorrücken“.
    So mancher Hinterbänkler ist nicht so „entrückt“ vom Leben wie manche Eliten!

  • […] This post was mentioned on Twitter by Martin Reiher, Matti Nedoma. Matti Nedoma said: Kein #Politiker sieht sich so, aber: Wer ist eigentlich ein #Hinterbänkler? http://tinyurl.com/6h626u5 #bundestag […]

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