Komm ich jetzt ins Fernsehen? Das Leiden von Politik und Medien

Posted Geschrieben von Matti Nedoma in Meinung, Superwahljahr 2011     Comments 1 Kommentar
Feb
7

Zeitungen, Fernsehen, Twitter, Facebook, Blogs – Willkommen im Informationszeitalter. Nie zuvor war es einfacher an Nachrichten in kurzer Zeit zu kommen als heute. Wer möchte, kann rund um die Uhr auf vielfältige Art und Weise Informationen zu allen denkbaren Themen finden. Wie werde ich ein guter Liebhaber? Wer macht die widerwärtigste Dschungelprüfung? Was kostet eigentlich Stuttgart 21? Die Dichte an Meldungen nimmt stetig zu. Eigentlich eine gute Nachricht. Informationen schaffen schließlich Transparenz. Doch wie beeinflusst das Medienzeitalter die Politik?

Nicht alles Neue ist gut

Politik lebt von Öffentlichkeit. Die beste Idee nutzt nichts, wenn sie keiner kennt. Also sind Politiker ständig bestrebt, ihre Ergüsse einem möglichst breiten Spektrum bekannt zu machen und so Sympathien und Zustimmung zu gewinnen. Als Helmut Schmidt noch Bundeskanzler war, gaben Tagesschau, FAZ und BILD die öffentliche Meinung vor. Diese Medien sind auch heute noch wichtig. Angela Merkel muss sich aber auch um Spiegel-Online, Twitter und unzählige andere Publikationsmedien kümmern. Deshalb gehen Politiker heute viele neue Wege. Doch nicht alles Neue ist gut. Modernität ist nie ein Wert für sich. Oder hat der Aufenthalt Guido Westerwelles im Big Brother Container unser Land wirklich voran gebracht? Trägt Frau zu Guttenbergs Besuch in Kunduz zu mehr Frieden bei?

Präsenz ist alles

Politiker sind versessen auf Medien. Ihr erster Blick nach dem Aufstehen gilt den Tageszeitungen. Doch ist heute ist nichts älter als gedrucktes Papier von gestern. Also schnell ein Blick aufs Smartphone, was die Ticker sagen. Schlechte Presse führt zu Gegenreaktionen. Schmissige Erklärungen, mehr oder weniger intelligente Interviews und einfache Botschaften müssen her. Es scheint als ob das Nachdenken (und vor allem Zuendedenken) über Sachverhalte viel zu oft viel zu kurz kommt. Man will einfach nur präsent sein. Schnelllebigkeit mindert die Qualität der Politik.

Fließband statt Qualität

Die Presse verstärkt diesen Effekt noch. Der Konkurrenz-, Kosten- und Zeitdruck wird immer stärker. Kaum ein Journalist hat heute noch Zeit, ausführlich zu recherchieren. Man freut sich, dass Agenturen Tickermeldungen wie am Fließband produzieren und Politiker ihre Interviews am besten komplett vorschreiben. Viele Medienarbeiter müssen sich als freie Mitarbeiter durchschlagen und sind oft gezwungen, Masse der Klasse vorzuziehen. Der Demokratie tut das nur bedingt gut.

Gut Ding will Weile haben

Politiker springen aus Angst, den Wähler komplett aus dem Gesichtsfeld zu verlieren, auf jeden Zug auf. Schneller, höher, weiter. Gute Politik tritt dabei in den Hintergrund.Die Medien spielen das Spiel mit. Der eine treibt den anderen zulasten der Demokratie. Was ist die Alternative? Medien und Politik sollten sich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren. Inhalte vor Show. Die Mutter guter Lösungen ist die Zeit. Die Argumente von Fachleuten und der politische Diskurs müssen wieder wichtiger sein als das Hashtag-Ranking bei Twitter. Eine gute recherchierte, inhaltliche fundierte Berichterstattung sollte wieder den Vorrang vor Auflage, Quote und Klicks bekommen. Nur so werden Politik als erste und zweite und die Medien als „vierte Gewalt“ der Demokratie ihrem Auftrag gerecht.

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1 Kommentar zu “Komm ich jetzt ins Fernsehen? Das Leiden von Politik und Medien”

  • Auch wenn es wohl nicht zeitgemäß ist, plädiere ich für echte soziale Kontakte vor Ort, das Gespräch von Mensch zu Mensch, für eine echte Teilhabe am Leben im Kietz, in der Stadt oder eben auch auf`m Dorf. Nur so läuft man nicht Gefahr, dem wahren Leben zu entrücken.

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